Flexiblen Schuleingangsphase
16. Oktober 2009 von Landeselternrat Sachsen - Anhalt |
Informationsveranstaltung des Landeselternrates zur „Flexiblen Schuleingangsphase“ am 12.09.2009 in Magdeburg
Am 12.09.2009 führte der Landeselternrat Sachsen-Anhalt seine 9. Plenartagung mit Informationsveranstaltung zur flexiblen Schuleingangsphase durch. Herr Dr. Küster, Referatsleiter des Referates Grundschulen im Kultusministerium berichtete dazu und stand zu offenen Fragen Rede und Antwort.
Da es im Vorfeld viele Anfragen von engagierten und besorgten Eltern an uns gab, waren auch externe Elternvertreter aus den Grundschulen des Landes dazu eingeladen, die im Rahmen der Veranstaltung auch die Möglichkeit hatten ihre Fragen an Dr. Küster zu stellen. Während der Diskussion hatte sich Dr. Küster auch bereit erklärt, einzelne spezielle Probleme mitzunehmen und zu klären.
Viele Eltern sahen Probleme in der sofortigen und konsequenten Umsetzung der flexiblen Schuleingangsphase. In der Diskussion stellte sich heraus, dass die Grundschulen die Möglichkeit hatten das Ganze zu erproben, was die meisten Schulen aber nicht annahmen. Auch eine Qualifizierung der Lehrer diesbezüglich wurde schon angeboten, aber kaum von Lehrern in Anspruch genommen. Nach Ablauf dieser Erprobungsphase wurde dann gesagt, dass es an allen Grundschulen in einem vorgegebenen Zeitrahmen umgesetzt werden soll.
Durch das Landesverwaltungsamt erfolgte eine erste Einweisung der Schulleiter zur Umsetzung der flexiblen Schuleingangsphase. Natürlich kommt es auch immer auf die Voraussetzungen vor Ort an, wie die Schulen dies umsetzen können.
- „Welche Räumlichkeiten stehen zur Verfügung?“
- „Welches Lehrerpersonal wird dafür eingesetzt?“
- „Welche Unterrichtsmaterialien stehen zur Verfügung?“
Dies waren Fragen, die viele Elternvertreter stellten. Zur Information der Eltern wurden vom Kultusministerium Flyer (www.bildung-lsa.de/db_data/5016/kita_flyer.pdf und www.bildung-lsa.de/db_data/5016/flyer2.pdf) herausgegeben, welche Dr. Küster auch an die anwesenden Elternvertreter verteilte.
Zu vielen weiteren Fragen finden Sie Antworten im nachfolgenden Protokollauszug. Nach den ersten Ausführungen von Dr. Küster begann die Fragestellung, die Aussagen der Elternvertreter auf der einen Seite und die Antworten von Dr. Küster auf der anderen Seite wurden in unterschiedlicher Schriftart dargestellt.



EIN OFFENER BRIEF zur Schuleingangsphase in der Grundschule.
„An die Ministerin für Schule und Weiterbildung Barbara Sommer“
Die Landesregierung bejubelt eine neue Schuleingangsphase, in der Kinder angeblich individuell und gezielt gefördert werden – die Praxis sieht erschreckend anders aus:
Mein Sohn besuchte drei Jahre den Kindergarten und wurde eineinhalb Jahre vor Einschulung durch einen Logopäden und Ergotherapeuten gefördert. Die Fachkräfte einschließlich Kindergarten empfahlen die Einschulung um ein Jahr zu verschieben.
Doch die Praxis der Zurückstellung sei nicht mehr zeitgemäß und die Schule sah keinerlei Einschränkungen. Eine individuelle Förderung und eine flexible Schuleingangsphase wurde versprochen und damit „Basta“.
Nun hat mein Sohn die ersten dreieinhalb Monate hinter sich gebracht.
Die Ergebnisse, die er erreicht, liegen unter dem Durchschnitt und er gehört laut Klassenlehrerin „zu den fünf schlechtesten Schülern der Klasse“. Beim Elternsprechtag wurde mir der Leistungsstand durch Übungsblätter und kleine Tests verdeutlicht. Über seine individuellen Kompetenzen wurde nicht gesprochen. Auf meine Bitte „Wie können wir als Eltern unserem Sohn weiterhelfen“ erhielten wir von der Lehrerin nur die Antwort: „Das weiß ich auch nicht“. Zudem bekamen wir von der Klassenlehrerin die Auskunft, dass eine individuelle Förderung unseres Sohnes bei einer Klassenstärke von 25 Schülern nicht möglich sei. Deshalb gäbe es jeden Montag in der fünften Unterrichtsstunde Förderunterricht.
Vor einigen Tagen legte mir nun mein Sohn ein Diktat vor und bat mich um eine Unterschrift. Auf Grund der Defizite in der Rechtschreibung bat ich die Klassenlehrerin um Einsicht in den Förderplan, um eine entsprechende Förderung mit Logopäden, Ergotherapeuten, Eltern und Schule zu vereinbaren.
Daraufhin erhielt ich postwendend einen Anruf der Klassenlehrerin, die mir erklärte, dass ein entsprechender Förderplan noch gar nicht erstellt worden sei. Der zuständige GU Lehrer sei erkrankt und hätte auch noch keine Diagnostik vorgenommen. Mein Sohn hätte doch nur eine graphomotorische Schwäche und Probleme beim Lesen, und man könnte zur Zeit nur abwarten.
Zur Motivierung hätte sie meinen Sohn vor einigen Tagen gebeten, vor der Klasse etwas über Afrika zu erzählen, wie die Menschen leben etc. Scharfsichtig hatte sie bemerkt, dass ich weiß bin und meine Frau schwarz ist, und ein Mensch mit dunkler Hausfarbe muss selbstverständlich zwangsläufig ein Experte für afrikanische Kultur sein. Mein Sohn wurde in Deutschland geboren und ist deutscher Staatsbürger, daher konnte er über Afrika nichts berichten und verfügt auch über keinerlei Kenntnisse darüber. Über Dinosaurier, seine musikalische Früherziehung bei der Musikschule, oder den Weltraum oder wie Gott ihm jeden Tag hilft, dies wären Themengebiete gewesen, zu denen er kompetent hätte Auskunft geben können, und über die er gerne gesprochen hätte.
Binnendifferenzierung oder ein seinem Vermögen entsprechender Zugang zum Unterricht erfordert die Kenntnis der Lernvoraussetzungen des Schülers. Diese scheinen, im Fall meines Sohnes, der Klassenlehrerin auch nach drei Monaten verborgen zu sein.
Laut Bildungsbericht des Ministeriums für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen werden alle Kinder in der neuen Schuleingangsphase, also sowohl leistungsschwache wie leistungsstarke, „individuell und gezielt gefördert“ http://www.schulministerium.nr.....ericht.pdf. Diese Förderung beinhaltet demnach im Bereich Diagnose und Einzelbetreuung die Unterstützung der Lehrkräfte durch sozialpädagogische Fachkräfte. In der Praxis findet keine Einzelbetreuung durch die Lehrkraft, geschweige denn durch eine sozialpädagogische Fachkraft statt. So viel zur neuen Schuleingangsphase. Im Schulalltag bleiben Kinder, die zufällig nicht die idealen Lernvoraussetzungen mitbringen, eben auf der Strecke – Pech gehabt.
“Flexible Schuleingangsphase” und
“ist mein Kind wirklich schon Reif für die Schule“???
Flexible Schuleingangsphase,
das Prinzip klingt nicht schlecht, aber in der Praxis ist es kaum realisierbar.
Positiv ist sicher, dass dem Kind ausreichend Zeit gegeben wird, sich dem Schulalltag anzupassen.
Zitat Elterninformation zur SEP
“der zeitliche Umfang beträgt 1 bis 3 Jahre,
um die Anforderungen der ersten beiden
Schuljahrgänge zu bewältigen”
Der Unterricht soll in altersgemischten Gruppen durchgeführt werden, damit Über- oder Unterforderung vermieden wird.
Zitat Elterninformation zur SEP
“in der Regel erfolgt der Unterricht in
altersgemischten Gruppen (Jg. 1/2)”
An den Schulen ist es eher selten der Fall, dass die Jahrgänge 1 und 2 gemeinsam unterrichtet werden. Hierbei spielen sicherlich auch die räumlichen Möglichkeiten an den Schulen eine große Rolle.
Aber was meiner Meinung nach viel wichtiger sein sollte, ist die Feststellung der Schulreife bzw. Schulfähigkeit.
Jedes Kind entwickelt sich unterschiedlich und sollte daher auch individuell eingeschätzt werden. In der Praxis werden die Kinder aber wenn sie das 6. Lebensjahr erreicht haben eingeschult, egal ob sie nun die Schulreife schon haben oder nicht. Das Argument ist “Das Kind hat ja 3 Jahre Zeit für die erste und zweite Klasse”.
Sollte ein Kind aber nicht nur Alter und Größe haben, sondern auch
andere Voraussetzungen mitbringen um im Schulalltag bestehen zu können?
Laut dem “Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik” schon.
Zitat Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik
Motivationale und soziale Voraussetzungen
Dazu gehören Motivation und Anstrengungsbereitschaft, die Fähigkeit zur Selbststeuerung der Aufmerksamkeit und zur Hemmung störender Impulse bzw. Bedürfnisse, so dass die Aufmerksamkeit ausreichend lange aufrecht erhalten werden kann. Sein Selbstbewusstsein sollte dem Kind gestatten, angstfrei mit altersgemäßen sozialen Situationen umzugehen, sich sowohl als Gruppenmitglied als auch als Individuum einzufügen und zu behaupten. Seine Selbstständigkeit sollte soweit entwickelt sein, dass es von einer andauernden direkten Zuwendung durch Erwachsene unabhängig ist.
Aber dies wird bei der Feststellung der Schulreife nicht berücksichtigt.
Zumindest musste ich das bei der “Reifeprüfung” meines Sohnes so erleben.
Stichtag 30.06. und Geburtstag 12.06., also 6 Jahre und “Schulreif”.
Wie ich leider feststellen musste funktioniert das so aber nicht. Mein Sohn hat sehr schnell den Spaß am lernen verloren, da er sich nur schwer lange konzentrieren kann und schnell ermüdet. Daher kommt er beim Lernstoff nicht mehr richtig mit und verliert das Interesse.
Was wird also am Ende des Schuljahres sein?
Mit hoher Wahrscheinlichkeit muss mein Sohn die erste Klasse wiederholen. Das ist sicher keine Motivation und vor allem kein Erfolg.
Ein Kind mit sechs versteht noch nicht, dass es eben einfach noch zu jung für die Schule ist und länger braucht. Diese Kinder sehen sich selbst als unfähig an und entwickeln eine Abneigung gegen die Schule.
Motivation und Erfolge braucht ein Kind aber, um am Lernen Spaß zu haben. Und das sollte doch auch im Vordergrund stehen. Denn Kinder die durch verfrühtes Einschulen nicht nachkommen und demzufolge mehr Misserfolge als Erfolge erleben, verlieren den Spaß und die Lust am Lernen.
Den Kindern sollte mehr Zeit gegeben werden “Kind zu sein”.
Die Einschulung sollte zu einem Zeitpunkt stattfinden an dem ein Kind wirklich reif ist diesen großen Schritt zu machen. Bei manchen ist es bereits mit 5 Jahren aber bei anderen auch erst mit 7 Jahren.
Eine Studie besagt, dass immer mehr Kinder Nachhilfe in Anspruch nehmen. Dabei wird bemängelt, dass sozial schwache Kinder dadurch benachteiligt sind. Was sicherlich richtig ist. Aber sollte nicht das Augenmerk darauf gerichtet werden “WARUM” immer mehr Kinder Nachhilfe benötigen?
Sind denn unsere Kinder “dümmer” als frühere Generationen?
Sicher nicht!
Das Schulsystem sowie die Schulreifefeststellung sollte doch mal überarbeitet werden, denn sicher gibt es auch unter unseren Kindern “Kluge Köpfe”. Nur leider wird ihnen nicht die richtige Aufmerksamkeit entgegengebracht.
An dieser Stelle sollten wir uns die Frage stellen:
“Wo sehen wir uns in 20 -30 Jahren?”
Wenn sich an unserem Schulsystem nicht grundlegend etwas ändert, sieht unsere Zukunft doch recht düster aus.
Die sozial Schwachen werden in der Überzahl sein, da es nur noch wenige qualifizierte Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt gibt. Was zur Folge hat, dass die Sozialabgaben für Arbeitnehmer kaum noch bezahlbar sind. Und die wenigen hoch qualifizierten Schul- und Studienabgänger werden Deutschland lieber den Rücken kehren um im Ausland für ihre Arbeit entsprechend entlohnt zu werden.
Also sollte doch endlich gehandelt werden.
Ein Schulsystem in Deutschland, welches in jedem Bundesland anders gehandhabt wird kann so nicht funktionieren. Es müssen einheitliche Richtlinien und Lehrpläne für das gesamte Deutschland erarbeitet und umgesetzt werden.
Warum schauen wir nicht auch mal über die Schulter in andere Länder, wie Finnland, Kanada oder auch China (Hongkong)?
Dort sind laut PISA die besten Ergebnisse erzielt wurden.
Also, weshalb nicht Funktionierendes übernehmen und unseren Kindern eine Bildung schenken die mit anderen mithalten kann?