Landeselternrat möchte mit Elternvertretern der Grundschulen diskutieren
„Die Elternvertreter, Eltern und Lehrer der Grundschulen in Sachsen-Anhalt sollen sich intensiv mit den neuen Hinweisen zur pädagogischen Gestaltung in den Grundschulen auseinandersetzen. Ich wünsche mir eine angeregte Diskussion auf unserer Internetseite.“ sagte Karsten Bucksch, Vorsitzender des Landeselternrates.
Das Magdeburger Kultusministerium hat begonnen, die Einführung einer flexiblen Schuleingangsphase an Grundschulen zu forcieren. Das sorgt für Unmut und zum Teil für Widerstand bei Lehrern und Eltern, die sich offenbar überrumpelt fühlen. Das auch in Thüringen, Brandenburg und Baden-Württemberg angewandte Konzept hebt starre Klassenverbände auf und kommt ohne Sitzenbleiber aus.
Vom kommenden Schuljahr an sollen alle Grundschulen in Sachsen-Anhalt mit der Umsetzung beginnen. “Wir wollen für jedes Kind eine vernünftige Förderung”, sagt Bernd Küster, zuständiger Referatsleiter im Kultusministerium. Auch Erstklässler mit größeren Lernschwächen, die sonst an eine Förderschule geschickt würden, sollen an den neu ausgerichteten Grundschulen lernen. “Wir brauchen solche Modelle, denn wir müssen uns darauf einstellen, dass Kinder mit Auffälligkeiten in diesem Land nicht weniger werden.”
Jedoch: Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht “Probleme und Hemmnisse” an den Schulen sowie “Hilflosigkeit” bei Pädagogen; der Landeselternrat verzeichnet “erhöhten Gesprächsbedarf” der Eltern von Grundschülern. Diese seien aufgeregt, weil die Lehrer nicht wüssten, wie sie das Konzept umzusetzen hätten, so Landeschef Karsten Bucksch. Im Altmarkkreis Salzwedel sammelten Schulleiter Unterschriften gegen das Vorhaben und schickten sie ans Ministerium.
Küster, der im November 2008 einen mahnenden Brief an die Schulleiter schrieb und den Stein damit ins Rollen brachte, kennt die Vorbehalte gegenüber dem Modell. Er meint aber, dass die Forderung des Ministeriums nicht überraschend komme: “Die Einführung der flexiblen Schuleingangsphase ist schon seit 2005 im Schulgesetz verankert.” In den zurückliegenden vier Jahren hätten es aber nur rund 15 bis 20 Prozent der Grundschulen geschafft, diese auch mit jahrgangsgemischten Lerngruppen zu etablieren. “Da muss jetzt mal etwas passieren”, so Küster.
Bis zum Schuljahr 2011 / 12 möchte das Ministerium, dass mehr als die Hälfte der Grundschulen mit einer flexiblen Schuleingangsphase arbeiten. Um dorthin zu kommen, setzt es vor allem auf Fortbildung der Schulleiter und Lehrer. Die fürchten aber laut GEW, dass an einigen Schulen pädagogische Mitarbeiter fehlen, um den Unterricht begleiten zu können. Und dass unklar bleibt, wie Schülerleistungen außerhalb von Klassenstrukturen bewertbar sind. Dazu kündigte Küster schnelle Lösungen per Erlass an.
Das Konzept auf dem Landesbildungsserver unter www.bildung-lsa.de/db_data/5016/hrsep09.pdf.
(Quelle: Mitteldeutschen Zeitung 07.07.2009 Manuela Bank)
Folgende E-Mail erhielten wir aus Beetzendorf als Stellungnahme:
Jahrgangsübergreifender Unterricht an Grundschulen
Argumente gegen das Favorisieren offener Unterrichtsformen im Anfangsunterricht,
insbesondere gegen eine Jahrgangsmischung der Klassen l und 2Eine solche Arbeitsweise würde unsere Schulanfänger vor folgende erdrückende große Aufgabe stellen: Entscheide selbst! Arbeite zielstrebig und ausdauernd! Übernimm die volle Verantwortung für dich und deine Lernpartner! Wähle selbst aus und plane deine Lernarbeit! Kontrolliere dich selbst!
Nur die wenigsten Kinder sind einer solchen Aufgabe gewachsen. Ein Großteil der Kinder würde orientierungslos umherirren und das Lernen als Bedrohung empfinden. Immer mehr Kinder werden schon mit diagnostizierten Teilleistungsschwächen, ADS, Verhaltensstörungen,… eingeschult.
Ein großer Teil der Schulanfänger hat den psychologischen Reifegrad eines Schulkindes noch nicht erreicht.Sie sind also gar nicht in der Lage,
- sich über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren (mehr als 10 Minuten)
- sich leise und rücksichtsvoll zu verhalten
- sich zu orientieren (z.B. sich in einem Arbeitsplan zurechtzufinden)
- eigene Arbeitsschritte zu planen
- aufmerksam zuzuhören
- Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden
- Arbeitsaufträge zu verstehen und allein auszuführen
- sich bei Mitschülern Hilfe zu holen
- ausdauernd und zielstrebig zu üben
- sich selbst zu kontrollieren
- sich von Geräuschen und anderen Reizen nicht ablenken zu lassen
Gründe dafür finden wir in der Lebensumwelt der Kinder: Umweltbelastungen, Zukunftsängste (von Erwachsenen übernommen), Bewegungsmangel, Fehlernährung (chemische Zusätze in einer industriell hoch verarbeiteten, denaturierten Nahrung), zerrüttete Familien, Mangel an sozialer Bindung und Halt, mediale Reizüberflutung unerfüllte Grundbedürfnisse nach Sicherheit, Zuwendung, Geborgenheit, Mangel an elementaren Grunderfahrungen.
Offene Unterrichtsformen erscheinen uns durchaus wertvoll, besonders für die Persönlichkeitsentwicklung unserer Kinder. Das Rüstzeug dazu müssen sie sich jedoch erst erarbeiten dürfen.
In Klasse 1 und 2 sollen unsere Kinder das Lernen lernen. Kein Kind soll überfordert werden, indem es sofort die Eigenverantwortung für sein konzentriertes zielstrebiges Tun übernehmen muss. Sie sind dringend angewiesen auf die liebevolle und motivierende Steuerung durch einen Klassenlehrer. Dessen Aufgabe ist es, das Kind aufmerksam zu begleiten und zu fördern. Im abgesteckten und durchaus geregelten Schutzraum eines planvollen Unterrichts soll unser Kind seine Möglichkeiten entwickeln können und sich ihrer bewusst werden. Zu diesem „geregelten Schutzraum“ gehören:
- ein Klassenleiter, der den Kindern über mehrere Schuljahre zuverlässig erhalten bleibt
- ein fester Klassenraum
- eine Klassengemeinschaft, die über 4 Jahre unverändert erhalten bleibt, in der sich unser Kind geborgen fühlt und sich sozial weiterentwickeln kann
- sich über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren (mehr als 10 Minuten)
- eine zu Beginn ruhig sehr kleinschrittige Unterrichtsführung, bei der unser Kind in jeder Unterrichtsstunde sofort eine Rückmeldung über seine Lernfortschritte erhält.
Diese direkten und verständlichen Rückmeldungen über kleinste Lernerfolge aber auch über auftauchende Probleme sind für uns Eltern von größter Wichtigkeit. Wir erhoffen uns einen regen Austausch mit einem engagierten Klassenlehrer, der sich verbindlich und nachhaltig um unser Kind bemüht. Aus Erfahrung wissen wir, dass mehr als ein Schuljahr Zeit vergehen kann, bis ein Austausch von Lehrer und Eltern störungsfrei funktioniert und gegenseitiges Vertrauen und Verstehen gewachsen ist. Bei einem Unterricht in jahrgangsübergreifenden Stammgruppen würde unser Ansprechpartner im ungünstigsten Falle jedes Jahr wechseln. Wir befürchten dann nicht nur Informationsverlust und Verständigungsschwierigkeiten, sondern vor allem ein geringeres Verantwortungsgefühl der Lehrer für unsere Kinder. Lernprobleme könnten auf die lange Bank geschoben werden, auch mit Blick auf das Zeitpolster der l bis 3 Jahre Schuleingangsphase. Bei der bestehenden Unterschiedlichkeit der Schüler eines Jahrganges sind wir allen Lehrern dankbar, die versuchen durch differenziert Arbeiten und immer wieder durch ihre persönliche Zuwendung jedem unserer Kinder gerecht zu werden. (von der Unterstützung der Lernschwachen bis hin zur Begabtenförderung). Dies auch noch in recht großen jahrgangsgemischten Lerngruppen zu realisieren halten wir für unmöglich. Derartige bildungshemmende Veränderungen im Schulalltag wirken auf uns wie bunt verpackte riesengroße Einsparmaßnahmen von Personalkosten an Grundschulen.
Wir lehnen einen Unterricht in solchen jahrgangsgemischten Stammgruppen für unsere Kinder ab (Solche Art Notunterricht erhielten unsere Eltern und Großeltern zu Kriegs- und Nachkriegszeiten). Wir befürchten, dass unsere Kinder dann einen großen Teil der wertvollen Unterrichtszeit entweder als Zuschauer (Schulanfänger staunt, was die Fortgeschrittenen schon können) oder als Helfer (Zweitklässler hilft einem Schulanfänger bei für ihn selbst viel zu leichten Aufgaben) vergeuden. Der Lernfortschritt wird für beide Gruppen gebremst. Wie sollen die Leistungen unseren Kindern bewertet werden? Erfolgt eine willkürliche Zensierung für jedes Kind individuell eingestreut an irgend einer Stelle des freien Arbeitens? Kann so eine Bewertung noch objektiv sein? Oder wird die Zensierung bis zum Ende der 2. Klasse wieder gänzlich ausgesetzt? Wenn dann die Zensierung erst im 3. Schuljahr beginnt, bleiben unsere Kinder nur unfaire 1,5 Schuljahre bis zur Schullaufbahnempfehlung. Wir möchten nicht, dass unsere Kinder als Versuchskaninchen einer Spar-Bildungspolitik in Sachsen- Anhalt missbraucht werden. Zumal ähnliche Maßnahmen schon in anderen Bundesländern z.B. in Brandenburg (hier sogar mit vorheriger mehrjähriger Fortbildung von Lehrern in Versuchsschulen auf freiwilliger Basis) ausprobiert wurden und nun wieder verworfen werden, weil sie sich als unvorteilhaft erwiesen haben.
Es genügt, wenn die Schildbürger einmal versucht haben. Licht in Säcken in ein fensterloses Rathaus zu tragen. Wir müssen es nicht nachahmen, um dann erschöpft und resigniert zu erkennen, dass dies nichts bringt. Solche sinnlosen Experimente kann sich das Land Sachsen-Anhalt nicht leisten. Soll unser Bundesland nicht völlig veröden (verblöden), müssen wir den folgenden Generationen die allerbesten Bildungschancen ermöglichen.
Im Namen des Schulelternrates der Grundschule Beetzendorf
Gerald Benecke
38489 Beetzendorf



6 Kommentare
Kommentar schreibenZum Thema flexible Schuleigangphase…
Ein wichtiges Thema, dass auch mir einige schlaflose Nächte bereitet hat.
“Wir brauchen solche Modelle, denn wir müssen uns darauf einstellen, dass Kinder mit Auffälligkeiten in diesem Land nicht weniger werden.” (aus dem Artikel)
Was bitte schön ist mit Auffälligkeiten gemeint? Sollte damit gemeint sein, dass Schüler Klassenkameraden und Lehrer attakieren, Eltern sich einfach verweigern können, gegen Überprüfungen von Kindern mit “Auffälligkeiten”. Ich war immer der Meinung mein Kind besucht die Schule um etwas zu lernen (rechnen, schreiben, lesen u.s.w.) und nicht um erzogen zu werden, denn das sollte Aufgabe der Eltern sein. Ok, Kinder mit Lernschwächen werden sicher duch solche “Modelle” über eine gewisse Zeit an einer Grundschule unterrichtet und dann? Ich finde die Versuchsanstalt Grundschule nicht so toll… Natürlich sind die Lehrer hilflos, denn es wurde leider noch kein Modell entwickelt, wie man einen Lehrer verdoppeln kann. Es sind ein bischen zu wenig davon vorhanden. Die pädagogischen Mitarbeiter werden im Moment hauptsächlich dazu benötigt um Schüler mit Auffälligkeiten zu betreuen und damit meine ich ganz bestimmt keine Lernschwächen!!! Diese ganzen Modelle sind noch nicht ganz durchdacht. Ich finde es nur schade, dass unsere Kinder als Versuchskaninchen benutzt werden. Ich bin generell nicht gegen Neuerungen, wenn sie etwas bewirken kein Thema.
Mit der flexiblen Schuleingangsphase haben wir bis jetzt keine guten Erfahrungen gemacht.
leider muss ich feststellen das an den schulen immer nur schwächere schüler
gefördert werden oder schüler mit auffälligkeiten. die normalen schüler oder klügere kinder bleiben auf der strecke oder die eltern mussen sich kümmern.
alles dreht sich nur noch um die schüler für die doch eigentlich viele verschiedene
spezialschulen mit dem entsprechenden ausgebild.lehrern vorhanden sind.
warum können unsere normalen ausgebildeten grundschullehrern nicht einfach
normalen unterricht machen ?warum müssen die leute die am schreibtisch sitzen
und sich theoretisch alles so einfach ausdenken eigentlich alles so kompliziert
machen?in der praxis sieht alles ganz anders aus und heute ist sowieso schon
schwer genug normalen unterricht zu machen bei den unterschiedlichen sozialen
schichten und nat.herkünfte der kinder. so wird noch mehr geschürt das die reichen kinder auf privatschulen gehen und die lücke zwischen reich und arm wird immer größer.jeder auf sein gebiet und ausbildung fragt bitte die leute die es machen sollen sprich lehrer.ich bin zwar kein lehrer nur einfacher friseur aber ihr denkt euch das immer so einfach am schreibtisch! stellt euch mal selber hin und tut das was ihr euch ausdenkt dann könntet ihr wirklich mitreden. so und basta!
Sehr geehrter Herr Buksch,
mein Sohn hat die Grundschule nach der 4. Klasse verlassen und ich bin somit keine Schulelternratsvorsitzende mehr. Ich habe Ihre Mail an die Grundschule weitergeleitet und hoffe, das die Direktorin diese an den zukünftigen Elternvertreter weiterleiten wird. Vielen Dank für unsere Zusammenarbeit und alles Gute für Ihre künftige Arbeit.
Mit freundlichen Grüßen
Doreen Grewe
Auch in unserer Schule wurde dies zwischen Elternvertretern und Schulleitung recht emotional diskutiert. Wenn Lehrer sich mit hohem Aufwand um “auffällige” Schüler kümmern sollen, was lernen dann die übrigen 15 – 20 Kinder in dieser Zeit? Und wofür gibt es viele gut ausgebildete Sonderschullehrer? Wie Herr Todorovic geschrieben hat, wird damit wohl der Trend hin zu Privatschulen verstärkt für alle, die es sich leisten können. Das finde ich echt schade, denn ich halte eine Separierung schon im Alter von 7 oder 8 nicht für sinnvoll. Kinder brauchen Erfahrungen in einem gemischten Team, aber auch ein gutes Lernklima!
Hoffentlich tut sich hier noch was!
Vielen Dank für die rege Diskussion.
Der Landeselternrat plant für den 12. September im Rahmen seiner Plenartagung ein Gespräch mit dem Referatsleiter Grundschulen im Kultusministerium, Herrn Dr. Bernd Küster zu diesem Thema.
Sollte jemand Interesse haben, an diesem Gespräch teilzunehmen, bitte ich um Rückmeldung in der Geschäftsstelle des Landeselternrates ab Montag, 3. August.
Karsten Bucksch, Vorsitzender des Landeselternrates
Prinzipiell halte ich von dem Grundgedanken der offenen Schuleingangsphase, dem miteinander und voneinander Lernen, recht viel. Denn die Kinder setzen dies komplikationslos und ohne Vorbehalte um. Und haben auch Spass daran so zu lernen, wie meine Erfahrung an unserer Schule zeigt, welche zur Zeit von meiner Tochter, 3. Klasse, besucht wird. Schüler mit Lernproblemen lernen hier offener und ohne Angst vor Versagen. Doch auch mir kommt die individuelle Förderung der höherbegabten Kinder, mit schnellerer Auffassungsgabe deutlich zu kurz. Dies mußte und muß ich noch heute am eigenen Leib, durch meinen Sohn, erfahren. Somit stimme ich b. todorovic durchaus zu, daß sich hier nochmal etwas verändern muß. Auch weiß ich leider nicht, ob es sinnvoll ist, von einer offen Schuleingangsphase zu sprechen in der die Kinder bis zu 3 Jahren verbleiben können, aber gleichzeitig die Lehrer darauf bedacht sind, den vorgeschriebenen Unterrichtstoff, auch in dem immer noch vorgeschriebenen Schuljahr zu vermitteln. So stellt sich für mich die Frage: “Wäre es da nicht klüger auch dieses Zeitverhältniss aufzuheben und somit Kindern und Lehrern 3 Jahre Zeit zu geben?”